Stadtteil

Wappen der Essener Stadtteile, Johann Rainer Busch 2009. Wappen der Gartenstadt Margarethenhöhe, seit 1905 Stadtteil von Essen: „In Grün eine vierzinnige goldene (gelbe) Bogenmauer; darüber zwei balkenweise silberne (weiße) Margeritenblüten mit goldener (gelber) Butze und darunter im Schildfuß eine Margeritenblüte.“ Das Wappen wurde von Kurt Schweder entworfen und hatte nie offiziellen Charakter. Ende der 1980er Jahre schuf der Heraldiker für alle Essener Stadtteile Wappen. Sie sind inzwischen von der Essener Bevölkerung gut angenommen worden. Das Wappen ist ein sogenanntes "redendes Wappen"; die Margeriten spielen auf den Namen der Stifterin Margarethe Krupp an. Die Zinnenmauer erinnert an die ehemalige Wehranlage Sommerburg sowie die zum Stadtteil führende Brücke über das Mühlenbachtal und der ehemaligen Bahnstrecke Mülheim-Heißen–Altendorf an der Sommerburgstraße

Alfred Krupp (eigentlich Alfried Krupp) hatte früh erkannt, dass es hilfreich war, den vielen Arbeitern in seinen Werken Wohn-Quartiere zur Verfügung zu stellen und sie nicht mit dem Problem des Nichtvorhan-denseins von bewohnbaren Unterkünften alleine zu lassen. Er ließ Arbeitersiedlungen bauen, wie z.B. Cronenberg, Schederhof usw. Dieses Sozialwerk wurde unter Friedrich Alfried Krupp fortgesetzt.

Er ließ für die Arbeiter, die altersbedingt oder gesundheitlich nicht mehr in der Lage waren Geld für Unterkünfte zu erwirtschaften, Alters-Quartiere errichten, wie z.B. Altenhof I und II.

Es war zu der Zeit bei Krupp und anderen wohlhabenden Bürgerfamilien Brauch, familiäre Ereignisse zu feiern, indem man bedeutende Summen für die Allgemeinheit spendete. 1887 starb Alfred Krupp und hinterließ alles dem Sohn Friedrich Alfried. Nach dem Ableben von Friedrich Alfried Krupp erbte Tochter Bertha sein Unternehmen. Bis zu Ihrer Volljährigkeit verwaltete die Mutter Margarethe Krupp das Erbe.

Anlässlich der Heirat von Tochter Bertha mit Gustav von Bohlen und Halbach richtete Margarethe Krupp 1906 eine Stiftung ein, die sie aus Ihrem privatem Vermögen mit 1 Million Mark und 50 ha Bauland ausstattete. Später, in der Bauphase, erhöhte sie die Einlage um eine weitere Million Mark und stellte bei Bedarf zinsgünstige Darlehen zur Verfügung. (s. G.Steinhauer: 50 Jahre MKS) Mit der Stiftung verfügte Sie, dass die Geschäfte der Stiftung durch ein Kuratorium geführt werden sollte, das aus 11 Personen bestehe: 5 Mitglieder sollte die Stadtverwaltung Essen und 5 Mitglieder der Krupp-Konzern stellen. Den Vorsitz des Kuratoriums sollte der Oberbürgermeister der Stadt Essen übernehmen. Mit der Stiftung sollte eine Siedlung gebaut werden für die s.g. minderbemittelte Klasse, was im damaligen Sprachgebrauch bedeutete, dass Menschen hier wohnen sollten, die wirtschaftlich nicht in der Lage waren, sich ein eigenes Haus bauen zu können.

Als Anwohner sollten zwar Arbeiter, Angestellte und "Krupp-Beamte" berücksichtigt werden, aber nur in angemessenem Rahmen, da die Siedlung auch allen anderen Menschen der Stadt offenstehen sollte. Bis heute wurde diese Regel eingehalten, der Anteil der "Kruppianer" war nie höher als ca. 50%.

Das Baugelände der Stiftung in der Größe von 50 ha war ein Teil der Ländereien, die der Alt-Vertraute von Margarethe Krupp, Dr. Ernst Haux, Finanzrat im Krupp-Unternehmen, in den Jahren bis 1904 für Margarethe Krupp erworben hatte. Die erworbene Gesamtfläche betrug ca. 250 ha und lag zwischen Mühlbachtal, Sommerburgtal, Margarethental und Nachtigallental.

Die Stiftung erhielt im Mai 1907 durch die Landesregierung die Genehmigung zur Einrichtung.

Der Architekt, der die Siedlung planen und bauen sollte, wird um 1908 gesucht und in Georg Metzendorf aus Hessen gefunden. Metzendorf war 1907 dem Zusammenschluss von Künstlern, Kunsthandwerkern, Designern, Architekten und Industriellen, genannt Deutscher Werkbund beigetreten. 1908 entwarf er ein Arbeiterwohnhaus und stellte es auf der Hessische Landesausstellung für Freie und Angewandte Kunst in Darmstadt vor. Das Haus fand viel Beachtung.

Er wurde vom Stiftungsvorstand ausgewählt und zum 01. Januar 1909 von der Stadt Essen angestellt und mit dieser großen Aufgabe betraut. Er war 34 Jahre jung und konnte damit der gesamten Bauphase zur Verfügung stehen. Sein Vertrag wurde entsprechend gestaltet.

Nach den Plänen von Metzendorf sollte in der ersten Bauphase neben den Häusern des 1. Bauabschnittes, der die Häuser an der Steilen Straße (da noch Giebelstraße), Stens- und Winkelstraße beinhaltete, eine Brücke über das Mühlbachtal gebaut werden, um die Zulieferung der benötigten enormen Mengen an Baumaterial zu gewährleisten. Die bisherigen Verbindungswege zum Gelände, das einmal die Margarethenhöhe heißen sollte, waren Karrenwege über Stock und Stein und bei Regenfällen oder im Winter Schlammpfade.

1910 wurde die Brücke über das Mühlbachtal und die ersten Häuser des ersten Bauabschnittes fertiggestellt. Die Stadtverwaltung wählte aus den vorgelegten Vorschlägen die Ausführung in Ruhr-Sandstein. Für die Finanzierung des Brückenbaus übernahm Margarethe Krupp 1/3 der Kosten.
(s. G.Steinhauer: 50 Jahre MKS)

Metzendorf hatte bei der Gestaltung der Siedlung und der Häuser komplett freie Hand bekommen. Er wurde von allen existierenden Bauordnungs-Vorgaben befreit.

Das erste Haus das bezugsfertig wurde, war das Haus, das später die Lagebezeichnung "Am Brückenkopf 8" erhielt. Der Bauführer Spahn, der dem Architekten Metzendorf zur Seite stand, zog in dieses zuerst fertiggestellte Haus und nutzte es als Baubüro für den Siedlungsbau.

Die Baupläne wurden mehrfach verändert, schon der Plan von 1912 sieht sehr viel anders aus als der von 1909. Metzendorf hatte auf der Darmstädter Ausstellung das viel beachtete Arbeiterwohnhaus vorgestellt, dessen Zuschnitt hier verwendet werden sollten. Metzendorf war bewusst, dass die großartige Spende von 1 Million Mark nicht ewig reichen würde. So verwendete er zur Kostenreduzierung immer wiederkehrende Raumaufteilungen für kleinere und größere Häuser, erstandardisierte. Um die Vorgabe nach hygienischem und komfortablem Wohnen zu realisieren, wurden in jedem Haus innenliegende Toiletten und Bade- und Waschmöglichkeiten eingerichtet. Die Beheizungs- und Kochstellewurde baulich zentralisiert. Sie wärmte den kompletten Lebensbereich und über Lüftungskanäle die oberen Räume. Um einer Eintönigkeit bei den Gebäuden durch z.B. die standardisierten Fenster und Türen zu entgehen, ließ er diese und bestimmte Gebäudeteile unterschiedlich gestalten.

Im Laufe der Jahre bis 1934 wuchs der neue Stadtteil in 21 Bauabschnitten. 1934 starb Metzendorf nach kurzem krankheitsbedingten vorzeitigem Ruhestand. Sein Mitarbeiter, der Architekt Carl Mink, vollendete diese erste Phase nach den Plänen von Metzendorf bis 1938, verstarb aber leider auch schon 1939. Die bisher mitarbeitenden Architekten Funke und Fierenkotten führten die Arbeit nach ihren Ideen fort.

In den späteren Bauabschnitten kann man erkennen, dass das Aussehen vereinfacht wurde, um die gestiegenen Baustoffpreise und Löhne aufzufangen. Das Konzept, hygienisch und komfortabel, mit eigenem Gartenstück zu bauen, wurde beibehalten.

Margarethe Krupp spendete aber nicht nur das Bauland und die Gelder für die Gebäude, sondern wollte auch einen Erholungsbereich für die Menschen bereitstellen. Aus den erworbenen Grundflächen sollten weitere ca. 50ha Land zu einem Waldgürtel in den Bachtälern, die die Margarethenhöhe umschließen, aufgeforstet werden. Dieser Waldgürtel ging als s.g. Promenadenschenkung an die Stadt Essen mit der Auflage, diesen für immer als Erholungsbereich bestehen zu lassen.

1942 kauft die Margarethe-Krupp-Stiftung an der Sommerburgstraße Ecke Norbert Straße ein Grundstück mit 3 ha Land auf, auf dem ein Kotten, in dem eine Trinkhalle betrieben wird, stand. Das Grundstück schließt an das von Bertha und Gustav gestiftete Grundstück an.

1949 fand die Landesausstellung für neuzeitliches Bauwesen in Essen unter dem Titel Dach und Fach statt. Sie war die 1. Ausstellung nach dem Kriege und wurde vom 16.Juli bis 16.Oktober 1949 an der neu angelegten Straße Lührmannwald durchgeführt. Hierfür wurden 33 Beispielhäuser gebaut, die zum Teil auch von der Margarethe-Krupp-Stiftung finanziert wurden. Es sollten hier neue Materialien und Bauweisen ausprobiert werden.

1983 mussten die Häuser mit den Hausnummern 2-20 wegen Baumängeln niedergelegt und neu gebaut werden. Die Finanzierung erfolgte mit öffentlichen Geldern.

Die Architekten Funke und Fierenkotten verstarben in den Jahren 1954 (Funke) und 1959 (Fierenkotten).

Um der Tradition zu folgen, dass die Familie Krupp bei besonderen familiären Anlässen Spenden an die Allgemeinheit gab, spendeten Bertha und Gustav Krupp von Bohlen und Halbach anlässlich des 125jährigen Bestehens der Firma Krupp im Jahr 1936 weitere 16 ha Baufläche aus dem von Margarethe Krupp gekauftem Vorratsbestand in die Margarethe-Krupp-Stiftung.

1960 gab es große Wohnungsnot in Essen, es fehlten mehr als 40.000 Wohnungen. Die Margarethe-Krupp-Stiftung beauftragte Architekt Dr. Seidensticker und Krupp-Wohnungsbau zeitgleich mit der Planung von Häusern und einem Heizkraftwerk dafür, sowie einem Einkaufszentrum. Die s.g. Margarethenhöhe II soll auf den südlichen, noch unbebauten Baugrundstücken entstehen. Die Häuser sollen möglichst schnell und preiswert gebaut werden.

Baubeginn war 1962 und die Planung zur Fertigstellung ging bis 1966. Dann erfolgte eine Unterbrechung der Bauphase bis 1971. 1972 wurde weitergebaut und die Margarethenhöhe II wurde 1980 nach den Plänen von Dr. Seidensticker fertiggestellt. Entstanden war eine "Plattenbau-Siedlung" mit Flachdächern, unansehnlich, aber mit Wohnraum. Schon 1987 fiel die Entscheidung, dass die Siedlung so unattraktiv und im totalen Gegensatz zur schönen alten Margarethenhöhe nicht bestehen bleiben sollte. Der Architekt Dr.-Ing. Günther Abrahamson wurde beauftragt, die Häuser umzugestalten. Er entwarf Satteldächer in Zimmermanns-Konstruktion mit Verkleidung der Fahrstuhl-Aufbauten. Die Außenwände der Obergeschosse wurden mit Naturschiefer-Platten verkleidet und die Fassaden erhielten farbig gestaltete Anstriche, die die monotonen Wände verwandelten. Die Neue Margarethenhöhe entstand als sehr schönes modernes Gegenstück zum denkmalgeschützten alten Siedlungsteil.

Text: Heinz Kaschulla